Emil

2021

Die blaue Reisetasche war so schwer, dass sie kaum zu tragen war. In ihr transportierte ich das Tier, ich hatte es Emil genannt. Es fraß vorwiegend Luft. Einmal überfraß es sich, sodass es mehr als ich wog. Ich stellte die Tasche auf dem Gehsteig ab, und schaute unauffällig um mich. Auffallen, das mochte ich nicht.
"Gehört das Ihnen?", fragte mich ein Passant.
Wir bückten uns beide zugleich.
Es tickte. In einer der Seitentaschen war nun auch ein Wecker, noch in der Verpackung, mit Batterien, wohl firmenseitig bereits eingesetzt.
"Diese Uhr klingt sehr engagiert", sagte der Passant. Er wirkte recht klug. Emil knurrte, doch der Mann tat, als hörte er nichts.
"Ich brauche die Tasche eigentlich nicht", sagte ich und meinte damit das Tier in ihr. Denn Emil ängstigte mich oft sehr. Ich streichelte ihn dann tagelang, nur damit er mich nicht biss.
"Ja, dann", sagte der Mann. "Aber Sie wissen, einfach stehenlassen, ist nicht so leicht."
Er trug ein offenes Gesicht und einen schwarzen Anzug dazu. Seine Augen leuchteten haselnussbraun.
"Haben Sie ein bisschen Zeit?" fragte ich ihn, ohne zu wissen warum.
"Zwei Jahre, vielleicht auch drei," sagte er.

Gerne hätte ich sofort kehrtgemacht. Doch platzte gerade die Tasche an einer Naht, eine Kralle von Emils Tatze schaute hervor. Ich verdeckte die Stelle mit meinem Fuß und sagte: "Aha." Der Passant nutzte mein Zögern und zog rasch Notizblock und Füllfeder aus einem Halfter hervor.
"Der moderne Held stirbt seit langem durch eigene Hand", sagte ich. Pitigrilli selbst hatte ich nicht gelesen, aber das Zitat an der Wand im Gruppenraum der Anstalt, wo ich bis vor kurzem gewesen war. "Ich habe das Mitleid mit mir zu ertränken versucht, solange, bis ich vor mir selbst verschwand," gab ich, nun wo eines da war, zu Protokoll. Zu beeindrucken schien ihn das alles nicht. Er entschuldigte sich. "Berufskrankheit", sagte er, "Feder und Block." Er steckte beides wieder ein und packte die Tasche an einem der Henkel. "Kommen Sie, zu zweit ist das Ding gar nicht so schwer."

Er öffnete ein Tor hinter mir. Schweigend trugen wir die Tasche zum Lift, Emil bemerkte er nicht. Auch während der Fahrt nach oben sagte er nichts, sodass ich fragte:
"Hallo, ist hier Sprechverbot?"
"Nein," sagte er und schwieg.
Das Dachgeschoss bestand aus einem einzigen Raum, einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen und einem lebensgroßen Bild an der Wand. Auf dem Bild war nichts, es war schwarz. Der Mann setzte sich mir gegenüber, schwarzer Anzug vor schwarzem Hintergrund. Manchmal schaute nur das Weiß seiner Augen hervor. Durch ein Fenster drang helles Licht. Ein Bündel davon fiel in der Höhe seines Halses auf das Bild, sein Hemdkragen sah aus wie ein Kollar. "Ich bin’s nicht gewesen", sagte ich, ehe ich selbst wusste, was ich nicht begangen haben wollte. Er lächelte. Das Licht bildete eine Art Heiligenschein.

Wir trafen uns nun jede Woche zur selben Zeit am selben Ort, stets trug der Mann dasselbe Gesicht und den gleichen Anzug, was nicht dasselbe ist. Die Tasche mit Emil stellte ich für gewöhnlich neben das linke Tischbein vor mir, so bemerkte er ihn nicht. Schließlich hatte ich die Naht gut zusammengenäht. Er betrachtete ausschließlich mich, das gefiel mir sehr. Emil verhielt sich so ruhig, als existiere er nicht.
"So ein Glück", sagte ich, "dass gerade Sie der Passant gewesen sind."
"Manchmal meint es der Zufall gut", sagte er, "aber nicht jederzeit."
Da der Mann ansonsten vorrangig schwieg, nickte oder schrieb, gab ich zahlreiche Details meines Alltags preis, auch Anekdoten fielen mir ein. Einmal hatte ich mir eine Geschichte über Rasenmähen im Spätherbst, samt Pointe, bereits im Vorfeld ausgedacht und brachte sie erzählfertig zu unserem Treffen mit. Er sagte nichts, aber schaute gar nicht belustigt drein. Vor Schreck purzelten die Wörter in mir durcheinander. Ich dachte an Wäschestücke im jäh unterbrochenen Schleudergang.
"Es geht hier weder um Botanik noch um Zoologie", sagte er dann. "Hier geht es ausschließlich um Sie."
Leere dehnte sich aus. "Warum?", fragte ich, "bin ich eigentlich hier?"
"Man könnte sagen, wegen X, Y oder E", sagte der Mann. "Die WHO verwendet Zahlen dafür. Das schafft weltweit Übersicht. Ich ziehe regionale Namen vor. Sagen wir Emma dazu."

Erschrocken zog ich die Tasche etwas näher an mich. Hatte er etwa Emil bemerkt? Ahnungslos fragte er: "Wovor haben Sie eigentlich Angst?" Und so erzählte ich ihm die Geschichte vom durstigen Löwen, der trinken wollte, und erschrak vor dem durstigen Löwen in der Wasserlache, der in der Lache trinken wollte und den durstigen Löwen sah, der trinken wollte und den durstigen Löwen sah und erschrak.
"Wasser oder Wein?" fragte er.
"Kaffee", sagte ich, "um diese Zeit."
Da schaute der Mann erstmals zum Tischbein, hinten links. "Wo kommt das eigentlich her?", fragte er und zeigte auf das Stückchen Fell, das aus der Lücke zwischen Verschluss und kratzfestem Stoff hervorschaute. Es bewegte sich unregelmäßig auf und ab.
"Es kriegt keine Luft", sagte der Mann. "Lassen Sie es doch raus." Die Stunde war jedoch um.

Ich schloss das Tor hinter mir. Die blaue Reisetasche war ungewohnt leicht. Ich stellte sie auf dem Gehsteig ab, um nach Emil zu sehen.
"Wissen Sie vielleicht wie spät es ist?" fragte mich ein Passant. Er trug eine bunte Kappe und einen blauen Trainingsanzug.
"Haben Sie kein Telefon?" fragte ich ihn.
"Telefon schon, aber keine Uhr", sagte er.
"Das ist merkwürdig", meinte ich, "in der heutigen Zeit."
Ich tastete nach meinem Handy, fand es aber nicht. Der Mann mit der bunten Mütze lief neben mir am Stand, seine Arme schwangen gegengleich mit.
Ich bückte mich nach dem Wecker. Doch die Reisetasche war weg. Und Emil auch.

Die Geschichte wurde 2021 mit dem Fit-for-Life-Literaturpreis ausgezeichnet.